Blaues Band und tote Körper
Heute ist in Dublin etwas ganz und gar Unglaubliches passiert, ich kann es selbst noch kaum fassen: die Sonne hat bis jetzt den ganzen Tag geschienen und es war warm! Scheinbar hat es der Frühling mittlerweile auch hierher geschafft (oder aber es ist wie immer und das Wetter will uns nur in Sicherheit wiegen um dann richtig zuzuschlagen…).
Der Schnee jedenfalls ist nun ganz weg, für viele Kinder war es – wie ich von verschiedenen Leuten gehört habe – das erste Mal, dass sie überhaupt so viel Schnee gesehen haben oder gar einen Schneemann bauen konnten, soviel also zur globalen Erwärmung, hier wird’s kälter.
Für mich stand heute nach einem kräftigenden Irischen Frühstück im “Earl” mit Isabell eine Ausstellung der besonderen Art auf dem Plan: Bodies (etwa vergleichbar mit unserem “Körperwelten”):
Bodies ist eine Ausstellung, die den Menschen mithilfe von Leichnamen chinesischer (?) Herkunft seinen Körper besser verstehen lassen möchte, was sie meiner Meinung nach auch schafft.
Nachdem wir uns unsere Tickets direkt im Ambassador Theatre in der O’Connell Street besorgt hatten (wir waren uns nicht ganz sicher, ob man vorbestellen musste) betraten wir die im Untergeschoss liegende Ausstellungshalle und wurden gleich von einem unserer chinesischen Gastgeber empfangen, der sich uns gehäutet und in einer recht merkwürdigen Pose präsentierte, um uns zu zeigen, wie Muskeln und Sehnen dazu dienen, unsere Glieder zu bewegen.
Ich bin mir nicht vollständig sicher, ob die Körper, die größtenteils völlig ohne Glasschutz oder sonstige Vorsichts- oder Konservierungsmaßnahmen aufgestellt waren, wirklich echte Körper waren, wie es die Ausstellungsleitung allgemein verlauten ließ, aber ich gehe schon davon aus. Die Luft innerhalb der Ausstellung wurde ständig durch verschiedene Geräte gefiltert und somit warm und trocken gehalten.
Neben den vollständig erhaltenen Körpern wurden in Glasvitrinen auch einzelne Extremitäten ausgestellt, die einen tieferen Einblick in den Aufbau von Muskeln, Sehnen und ganzen Organen boten. So habe ich Beispielsweise heute zum ersten Mal gesehen, dass es scheinbar nur die Haut und die allgemeine Festigkeit des Körpers ist, die die Muskeln an ihren Stellen hält. Fehlt diese (bzw. das Leben allgemein) in einem Körper und wird dieser Konserviert, so spreizen sich die Muskeln ab, was besonders an der Pomuskulatur deutlich wurde.
Im nächsten Raum konnten wir begutachten, was jahrelanges Rauchen in einer menschlichen Lunge anrichten kann. Neben einer gesunden, relativ hellen, gesunden sahen wir eine durch den Teer marmorierte Lunge, sowie kleinere, mit Tumoren besetzte Teile der selbigen. Eine meiner Meinung nach gute (aber wie man anhand des niedrigen Pegels sehen konnte) Aktion war der neben der Raucherlunge aufstellte Glaskasten mit Schlitz im Deckeln, durch den man seine Zigarettenpackungen stecken konnte, gepaart mit dem aufstellten Hinweis, man solle ab sofort rauchfrei leben, da man ja nun wüsste, wo es hinführt.
Der nächste Raum war der Blutzirkulation des Körpers gewidmet. Begleitet von interessanten Fakten über den menschlichen Blutkreislauf, die auf die Wände gedruckt waren, erwarteten uns Vitrinen, in denen die Adersysteme bestimmter Organe und letztendlich sogar das eines gesamten Körpers befestigt waren.
Um die Blutbahnen gleichzeitig einzufärben und zu konservieren wurde zunächst eine farbige Chemikalie durch den Körper gepumpt, die sich danach verfestigte und somit ihre frühere Form auch nach der Entnahme aus dem Körper beibehielt. Ich habe vorher wirklich nicht gewusst, wie dick die Venen unseres Körpers wirklich sind. Sicherlich, man hat es schon einmal in einem Buch oder im Internet gesehen, aber durch diese Ausstellungsstücke der besonderen Art bekam ich wirklich einen Eindruck davon.
Bis hierher hatte ich an sich keinerlei Probleme mit den Exponaten (nur mit der sehr trockenen Luft, die mir etwas auf den Kreislauf schlug und mich zwang, ab und an auf einer der Bänke, die wohl für Besucher mit schwachen Nerven/Mägen aufgestellt wurden waren, Platz zu nehmen), aber nun ging es erst richtig los: Geschlechtorgane.
Bislang hatten wir nur männliche Exemplare der Gattung Mensch zu sehen bekommen, ab hier mischte sich aber auch die eine oder andere Frau darunter, um uns einen Einblick in ihre Fortpflanzungsorgane zu gewähren. Dass es nicht nur bei den weiblichen bleiben sollte war wohl klar, aber ich war dennoch etwas… überrascht, dass sie tatsächlich einen getrockneten und konservierten Penis in einer Glasvitrine aufbewahren, gleich neben einem weiteren Exemplar, das veranschaulichte, wie ein männliches Genital durch Krebs verunstaltet wird. Wenn du eine Leserin bist, wirst du das vermutlich nicht verstehen, aber für uns Männer – und ich bin mir sicher, dass es den meisten wirklich so geht – ist es nicht besonders schön, sich so etwas anzusehen, vielleicht stellen wir uns die Sachen unterbewusst etwas zu deutlich vor, was zu allgemeinem körperlichem Unwohlsein oder auch leichtem Zusammenkrümmen führen kann (wie z.B. auch, wenn sich ein Mann eine Katerkastration im Fernsehen ansehen würde, was Stefan Raab uns in einer frühen Folge von TV Total tatsächlich zugemutet hat).
Nach diesem etwas unangenehmeren Teil der Ausstellung ging es in einen noch unangenehmeren (zumindest was die Frage anbetrifft, wie weit man als Aussteller gehen darf): In einer Reihe von etwa 15 Glaszylindern konnte man die Entwicklung eines Embryos vom einfachen Zellenhaufen bis zum erkennbaren menschlichen Wesen begutachten.
Nach einem weiteren Raum mit einem in 4cm dicke Scheiben geschnittenen Mann hatten wir dann auch das Ende der Ausstellung und den Shop erreicht, in dem man einen dicken Bildband oder lustige Geschenke wie eine “Bodies”-Computermaus oder einen Herz-Schlüsselanhänger kaufen konnte – hoffentlich diesmal keine Originalteile.
Bilder entstammen http://www.bodiesdublin.com
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Gut geschrieben, Alina und ich haben richtig mitgefühlt.